03. Dezember 2009
Diese Farben sind ein Genuss
Bei der Verleihung des 1. Europäischen FarbDesignPreis 2008 – 2009 am 19. November 2009 in München wurde der mutige Einsatz von Farbe als Gestaltungsmittel gewürdigt
Für die Jury des 1. Europäischen FarbDesignPreises war es ein Genuss, sich mit den 83 eingereichten Arbeiten aus sechs Ländern auseinander zu setzen, denn »wir hatten ein sehr hohes Niveau zu bewerten«, sagte der Vorsitzende der Jury, Prof. Ulrich Bachmann, anlässlich der Preisverleihung am 19. November 2009. Im stilvollen Ambiente des Münchener Literaturhauses wurden an diesem Tag drei Preise sowie ein Wissenschafts- bzw. der Nachwuchspreis im Gesamtwert von 40.000 Euro vergeben. Außerdem wurden zwei Anerkennungen ausgesprochen. Ausgelobt wurde der Preis von der RAL gGmbH und dem Institut Farbe.Design.Therapie.
Begrüßung
Dr. Wolf D. Karl, Vorsitzender der Geschäftsführung RAL gGmbH, berichtete in seiner Begrüßungsrede als Mitauslober und Hauptsponsor von der Initiative zu diesem Wettbewerb, die vom Institut Farbe.Design.Therapie ausging. »Die Zeit war mehr als reif für einen solchen internationalen Wettbewerb, bei dem Farbe als Gestaltungsmittel gewürdigt wird«, so Karl. Er dankte auch der prominent besetzten Jury sowie den Sponsoren, zu denen Alsecco, Caparol, das Deutsche Lackinstitut (DLI), die Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM), Forbo, Keimfarben, X-rite und Relius gehörten.
Vortrag
In seinem Vortrag »Das Lebens-Mittel Farbe« wies Prof. Frank Werner, ebenfalls Mitglied der Jury, darauf hin, dass Farbe ein unersetzliches Medium für ein befreites Leben sei. Er zeichnete die Geschichte der Farbgestaltung nach: von Bruno Taut, der mit seiner intensiven Farbgebung anfang des letzten Jahrhunderts Furore machte, über den Kult des Weiß bei Le Corbusier bis zur Würdigung der »Farbe als Vollendung der Architektur«, wie sie der mexikanische Architekt Luis Barragán vertrat.
1. Preis
Den ersten Preis erhielt Anna Heringer aus Salzburg (Österreich) für ihre Einreichung Handmade-School in Rudrapur, Bangladesh. Die Jury beeindruckte vor allem, wie sie Farben aus der Natur in die Architektur der Schule integriert hatte und damit Leichtigkeit, Lebendigkeit und Fröhlichkeit entstehen ließ. Im Gesamtklang des Gebäudes würden etwa die Farben der Türen der aus Bambus und Lehm gebauten Schule wie feine, melodische Töne wirken, die subtil Emotionen wach rufen, so die Auffassung der Jury in ihrer Begründung. »Bei Farben muss man sich trauen«, meinte die Preisträgerin nach der Preisverleihung im persönlichen Gespräch. »Ich habe mich von der vorhandenen Farbigkeit in Bangladesh inspirieren lassen, von den handgemalten Schildern, den farbenfrohen Saris auf dem Markt. Als ich die Farben an den Türen der Schule einsetzte, sprang auch der Funke bei der Bevölkerung über und ich bekam über die Farben einen Zugang zu den Leuten. Mit Farbe geht einem das Herz auf.«
2. Preis
Den zweiten Preis bekam Gerhard Wittfeld aus Aachen (Deutschland) für das Farbkonzept beim Kindergarten Sighartstein in Neumarkt (Österreich). Von der Jury wurden besonders die Rhythmisierung und Strukturierung der Fassadenhaut gewürdigt, die sich harmonisch in die natürliche Umgebung einfügt und an Grashalme erinnert. In den Räumen wurde das Farbkonzept konsequent weiterentwickelt. »Bei diesem Projekt gab es zwei Aspekte, die mir wichtig waren«, so Architekt Gerhard Wittfeld: »Die Belange der Nutzer und der Umgriff, der aus schönen Wiesenflächen besteht. In diese Umgebung wollte ich das Gebäude integrieren. Für die Kinder ist dieses Gebäude das Dschungelhaus geworden, es kommt super an.«
3. Preis
Den dritten Preis gab es für eine didaktisch angelegte Arbeit mit dem Titel Farbrausch, die durch eine Installation von Marcella Wenger-Di Gabriele aus Köniz (Schweiz) visualisiert war. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Studierenden am Züricher Haus der Farbe wurden 5.500 Farbaufstriche im Format 8 x 30 cm hergestellt und im Raum angeordnet. Die Jury würdigte die mit dieser Arbeit gezeigte Erkenntnis, dass es in der Natur, und ebenso in der von uns Menschen geschaffenen Umwelt, sehr viel mehr wahrnehmbare Farbnuancen gibt, als uns die reduzierende Ordnung gängiger Farbsysteme glauben macht. Und: Marcella Wenger-Di Gabriele zeigt mit ihrer Installation eindrucksvoll, dass Farben an sich weder schön noch hässlich sind, dass es stets der Kontext ist, der uns eine Farbe angenehm oder unmöglich erscheinen lässt. »Für mich ist das Spiel mit den Farben ein großes Glück«, meinte die Preisträgerin. »Ich wollte die Wahrheit über die Wirkung von Farben herausfinden. Und: mir war es wichtig, aufzuzeigen, dass die Welt der Farben grenzenlos ist.«
Nachwuchspreis
Den Wissenschafts- und Nachwuchspreis erhielt Anne Lange aus Kurort Jonsdorf (Deutschland) für ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Ihre Studie mit dem Titel Purprologie – Näherung an die Farbe Purpur beschäftigte sie sich mit zahlreichen Aspekten dieser Farbe, von der Historie der Purpurfärberei bis hin zu ihrer heutigen Verwendung in der Konsumwelt. Die Jury würdigte diese Arbeit »als wesentlichen Beitrag zur aktuellen Farbforschung.«
Anerkennungen
Für seine außergewöhnliche Installation hausblau bekam Peter Kaschnig aus Graz (Österreich) eine Anerkennung. Er hatte ein Einfamilienhaus, das vor dem Abriss stand, komplett mit ultramarinblauer Farbe beschichtet und den Prozess durch eine brillante Fotoserie samt Zeitraffer-Video dokumentiert. Damit wurde gezeigt, dass man dieser Farbe nicht habhaft werden kann. In der Würdigung der Jury heißt es daher unter anderem: »Der Farbe zu einem derart eindrucksvollen, gleichzeitig heiteren, schwerelosen Eindruck zu verhelfen, verdient unsere Anerkennung.«
Eine weitere Anerkennung ging an die beiden italienischen Architekten Carlo Cappai und Maria Alessandra Segantini aus Treviso (Italien). Die Jury sagte zu dieser Arbeit für das Kinderzentrum Covolo di Pederobba: »Die Idee überzeugt, einzelne Farbtöne zur Kennzeichnung spezieller Farbzonen zu verwenden und andererseits alle Farben in einem zentralen Salon zu vereinen. Subtil lassen sich die beiden Architekten auf eine Interaktion zwischen Licht und farbigen Oberflächen ein.«








