Künstliche Intelligenz wirft die Frage auf, ob wir die Gestaltungsdisziplinen bisher richtig verstanden haben. Während KI Fleißaufgaben mühelos erledigt, müssen wir den menschlichen Kern unserer Arbeit wiederfinden und freilegen.
„Read“ beschreibt die Fähigkeit, eine Situation zu lesen: Ort, Material, Licht und Kontext aufmerksam zu erfassen und Anknüpfungspunkte zu finden. „Respond“ bedeutet, auf das Gelesene mit gestalterischer Sorgfalt und Phantasie zu antworten: das Vorhandene nicht gänzlich zu überschreiben, sondern daran anzuknüpfen, seine Spuren zu würdigen und fortzuschreiben oder zu rekonfigurieren.
Verortet zu gestalten bedeutet, im Kontext zu arbeiten, den realen Raum zu inspizieren und Farben zu finden. Relational ist diese Gestaltung, wenn sie Beziehungen zwischen Mensch, Raum, Objekt, Material und Farbe aufbaut. Das gelingt, wenn Findungsprozesse kooperativ gestaltet, Entscheidungen gemeinsam getroffen und verschiedene Bedürfnisse erkannt werden. Bewusste Gestaltung weiß um ihre Verantwortung für das nachhaltige Funktionieren eines Entwurfs. Gut ist er dann, wenn er resonant ist. Wenn er eine Konstellation zwischen Objekt, Ort und Mensch real werden lässt, die etwas Größeres schafft als die Elemente für sich allein.
Farbe wird also nicht als Dekoration verstanden, sondern als Infrastruktur: Sie ordnet, orientiert, schließt ein und macht Funktion erfahrbar. Wenn wir einen Farbton für einen Coworking Space wählen, dekorieren wir nicht – wir fördern Zusammenarbeit. Wenn wir einen Ton für eine Pflegeeinrichtung spezifizieren, folgen wir keinem kurzlebigen Trend, sondern antizipieren den demographischen Wandel. Kulturelle Tendenzen sind für uns keine abstrakten Kräfte, sondern gelebte Realitäten.